Vorurteile: Radler-Regeln und Verkehrsmythen

4. Oktober 2018 von
Der Straßenverkehr ist voll von Vorurteilen zwischen Autofahrern, Fahrradfahrern und auch Fußgängern. Fundierteres Wissen und eine rücksichtsvolle Fahrweise ermöglichen ein friedliches Miteinander.

Was dürfen Fahrradfahrer im Straßenverkehr – und was dürfen sie nicht? Eine Frage, die häufig Missverständnisse und Vorurteile zur Folge hat, wenn zur Beantwortung gefährliches Halbwissen herangezogen wird. Im Internet ist oft von „Fahrrad vs. Auto“ die Rede, wenn es um die Vorurteile geht, die auf den Straßen täglich aufeinander prallen.  In den Diskussionsrunden und unter Beiträgen innerhalb der sozialen Medien häufen sich die Unmutsbekundungen auf beiden Seiten.

Vorurteile wie „Diese dreisten Radfahrer!“ oder „Schon wieder der rücksichtslose Autofahrer!“ sorgen zunehmend dafür, dass sich die Fronten zwischen beiden Parteien verhärten. Anstatt eines Miteinanders wird ständig mit mahnendem Finger auf „den anderen“ gezeigt – man selbst macht natürlich nie etwas falsch oder legitimiert sich die eigene Fahrweise am Rande gewisser gesetzlicher Grauzonen. Dabei ist es doch so, dass die meisten mal Rad- und mal Autofahrer sind.

Zugegeben: Die grob umrissenen Verkehrsteilnehmer muten in der vorhergehenden Beschreibung eher klischeehaft an, aber es ist ja nun mal so, dass die meisten Vorurteile auf Pauschalisierung und, wie oben bereits erwähnt, auf mangelndem Fachwissen basieren. Das Problem bei den Wurzeln packen, kann also nur das Ausräumen von Missverständnissen, indem jeder Autofahrer die Rechte des Radfahrers kennt und umgekehrt.

Hier kommen die Klassiker unter den Radler-Regeln, die mit der Zeit teilweise zu verdrehten Straßenverkehrsmythen geworden sind…

Mythos 1: Vorhandene Radwege müssen genutzt werden

Stimmt nicht. Viele Fahrradwege befinden sich in einem Zustand, der dem Fahrradfahrer nicht zuzumuten ist, sodass dieser auf die Straße ausweichen darf. Das wiederrum löst bei Autofahrern eher genervte Blicke als Freudenschreie aus. Fakt ist aber, dass Fahrradfahrer den vorhandenen Radweg nur dann benutzen müssen, wenn sie mit einem von drei blauen Schildern gekennzeichnet sind: eines schreibt die alleinige Nutzung für Fahrräder vor, ein anderes eine gemeinsame Nutzung des vorhandenen Weges und das dritte trennt Rad- und Fußweg deutlich voneinander ab.

Ist der Radweg zum Beispiel von Autos zugeparkt, anderweitig zugestellt, von wild sprießenden Pflanzen überwuchert  oder kommt er durch die vorhandenen Schlaglöcher einem Schweizer Käse nahe, so darf der Fahrradfahrer auch bei blauer Beschilderung auf die Straße ausweichen.  Bei Eis und Glätte dürfen Radfahrer immer die Fahrbahn nutzen.

Nicht jeder vorhandene Radweg muss genutzt werden. Ausnahmeregelungen schreiben sogar die ausdrückliche Nutzung der Fahrbahn vor.
Mythos 2: Radfahrer dürfen nicht nebeneinander fahren

Stimmt auch nicht ganz. Manchmal, aber nur manchmal haben Radfahrer die Möglichkeit auf der Straße nebeneinander herzufahren und sich dabei auch zu unterhalten. Grundsätzlich gilt aber natürlich, dass Radfahrer hintereinander fahren müssen, um den Verkehr nicht zu blockieren.

Eine Ausnahmeregelung gibt es zum Beispiel in Fahrradstraßen. Dort können Radler nebeneinander her strampeln, ohne Autofahrer vorbeilassen zu müssen. Einem geschlossenen Verband, bestehend aus mindestens 16 Drahteseln, ist das ebenfalls gestattet – auch wenn es so manchen Autofahrer rasend macht. Solange es den Verkehr nicht beeinträchtigt ist das „Small-Talk-Radeln“ sogar auf jeder beliebigen anderen Straße erlaubt. Kommt es zu Störungen des Verkehrs (z.B. Schwierigkeiten beim Überholen) kann für den Biker in zweiter Reihe ein Bußgeld in Höhe von 15 € fällig werden. Also sollte man am besten immer ein wachsames Auge auf den Rest des Verkehrs werfen.

Mythos 3: Radler dürfen über rote Ampeln fahren

Dürfen sie nicht. Entscheidend ist immer die Radverkehrsführung, innerhalb derer sich der Radfahrende gerade bewegt. Für abbiegende Autofahrer ist es deshalb nicht immer nachvollziehbar, warum ein Radfahrer über eine rote Fußgängerampel fährt. Tut er dies jedoch innerhalb der PKW-Grünphase seiner Richtung, ist dies völlig legal, da er sich an der Ampelschaltung der Fahrbahn zu orientieren hat. Ist eine Fahrradampel installiert gilt unstrittigerweise immer diese. Sogenannte Kombi-Ampeln, die sowohl ein Fahrrad als auch einen Fußgänger anzeigen, sind für Fahrradfahrer ebenfalls verbindlich, auch wenn sie dem Verkehrsmittel nicht gerecht werden.

Mythos 4: Beim Abbiegen den Arm die ganze Zeit ausgestrecken

Ein Radfahrer verhält sich korrekt, wenn er per Arm den geplanten Richtungswechsel einmal eindeutig anzeigt und sich dann entsprechend auf der Abbiegerspur einordnet. Noch vor dem Handzeichen muss natürlich der obligatorische Schulterblick ausgeführt werden, damit kein Verkehrsteilnehmer übersehen wird. Ob im Auto per Blinker oder auf dem Fahrrad mit dem Arm – Richtungswechsel müssen von jedem Verkehrsteilnehmer deutlich kenntlich gemacht werden. Aber irgendwann darf der Arm auch wieder runter!

Mythos 5: Kein Handy auf dem Fahrrad

Stimmt natürlich! Genauso wie für Autofahrer ist die Nutzung des Smartphones auf dem Fahrrad tabu – und zwar kategorisch. Weder beim Fahren selbst, noch an einer roten Ampel ist es dem Radler gestattet, das Handy aus der Tasche zu holen um zu simsen oder zu telefonieren. Autofahrer dürfen für dieses Vergehen mit einem saftigen Bußgeld von 100 € und einem Punkt in Flensburg rechnen, während der Radler mit einer Verwarnung und einem Bußgeld von 55 € vergleichsweise harmlos davon kommt. Liebe Autofahrer, liebe Radler: Lasst das Handy im Straßenverkehr einfach weg! Innerhalb von Sekunden können mehrere Leben wegen eines Emojis gefährdet oder gar beendet sein.

Übers Head-Set darf laut Gesetzt allerdings auf dem Rad telefoniert oder Musik gehört werden, solange dies in einer Lautstärke geschieht, mit der alle anderen Umgebungsgeräusche uneingeschränkt hörbar bleiben. Wichtig ist vor allem, dass das Smartphone nicht in der Hand gehalten wird!

Auf dem Gehweg bitte absteigen und schieben. So verhalten Sie sich richtig und riskieren keinen Ärger mit Fußgängern.
Mythos 6: Radler dürfen nicht auf dem Gehweg fahren

Das ist grundsätzlich richtig. Gerne weichen Fahrradfahrer aufgrund eines hohen Verkehrsaufkommens auf den Gehweg aus, sofern kein Radweg vorhanden ist. So verständlich dieser Gedanke einerseits ist, so sehr muss sich ein Fahrradfahrer auch bewusst machen, dass er sich dann auf einem Weg für Fußgänger befindet. Also: Bitte schieben!
Es gibt jedoch eine Ausnahme, die Fußgänger und Fahrradfahrer kennen sollten, damit ein friedliches Miteinander der zwei Parteien gelingen kann. Wenn ein Elternteil oder eine andere Begleitperson ein Kind unter acht Jahren auf seinem Fahrrad radelnd auf dem Gehweg begleitet, ist das ausdrücklich erlaubt! Allerdings gilt das nur für eine einzelne Begleitperson. Kleinere Gruppen oder Familien müssen sich für diesen Fall auf Fahrbahn und Gehweg aufteilen.

Kopfsteingepflasterte Straßen gelten übrigens als dem Radfahrer zumutbare Strecken, sodass auch in diesem Fall nicht auf den Gehweg ausgewichen werden darf, außer dieser ist mit einem Zusatzschild „Radfahrer frei“ beschildert.

Mythos 7: Radler können Autofahrer zur Rechenschaft ziehen

Auch das stimmt. Denn leider geschieht es nicht selten, dass einem ein vor Wut rot angelaufener Autofahrer anpöbelt, wenn man ihn als Fahrradfahrer darauf aufmerksam macht, dass der Wagen gerade den Radweg blockiere oder Ähnliches. Offenbar ist vielen Autofahrern nicht bewusst, welches Verkehrsrisiko sie damit für ihre Mitmenschen darstellen. Oftmals müssen Radler mit riskanten Ausweichmanövern auf die Straße oder auf den Gehweg wechseln und in beiden Fällen würde den Radler eine Mitschuld an einem eventuellen Unfall treffen. Um an dieser Stelle für weniger Reibungspunkte zwischen Radlern und Autofahrern zu sorgen, sollten sich Autofahrer also angewöhnen auch mal in „den sauren Apfel“ zu beißen und von einem vernünftigen Parkplatz aus, in die nächstgelegene Postfiliale oder Apotheke zu huschen, anstatt mit aktivem Warnblinker den Radweg zu blockieren. Tun sie dies doch, haben Radfahrer das gute Recht dies dem Ordnungsamt zu melden oder das Auto abschleppen zu lassen. Mit speziellen Apps fürs Smartphone ist das mit wenigen Klicks erledigt.

Mythos 8: Rechts überholen ist verboten

Nicht immer. Wenn sich im Feierabendverkehr die Autos beispielsweise an einer Ampel stauen, darf der Radler rechts an ihnen vorbei fahren, damit er nicht in den entstehenden Abgasen warten muss. Natürlich nur, sofern ausreichend Platz vorhanden ist.

Mythos 9: Radler müssen immer rechts fahren

Ja. Natürlich gilt das Rechtsfahrgebot in Deutschland für Radfahrer genauso wie für Autofahrer. Jedoch dürfen Radfahrer immer mindestens einen Meter Abstand zum Bordstein oder zu parkenden Autos halten und sollten dies aus Gründen der eigenen Sicherheit auch tun. Das heißt also, dass je nach Straßenbreite ein Radfahrer auch auf der Spurmitte fahren darf. Laut Rechtsprechung dürfen PKW-Fahrer Radler nur mit einem Mindestabstand von 1,50 bis zwei Metern überholen, sodass sie in engen Straßen eben auch mal warten müssen, anstatt den Radfahrer zur Seite zu hupen oder ihn zu knapp zu überholen.

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Bildquelle: Gazelle

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